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Neuigkeiten
18.06.2020, 11:01 Uhr | Maximilian Kuntz & Ammar Alkassar
„Durch die aktuellen Erfahrungen haben wir auch gelernt, in welchen Bereichen wir noch besser werden müssen“
Interview mit Ammar Alkassar
Das Coronavirus stellt die Wirtschaft und unsere Gesellschaft vor die wahrscheinlich größte Herausforderung seit Jahrzehnten. Doch was können wir von der Krise lernen? Schaffen wir endlich den überfälligen Sprung ins digitale Zeitalter? Mit dem CIO und Bevollmächtigten für Strategie und Innovation des Saarlandes, Ammar Alkassar, haben wir über die Themen gesprochen, die uns aktuell beschäftigen.
Ammar Alkassar: Bevollmächtigter für Innovation und Strategie des Saarlandes
Seit Jahren gibt es in Deutschland Kritik an der vermeintlich geringen Geschwindigkeit in der Digitalisierung. Das Coronavirus hat uns diesbezüglich ins kalte Wasser geworfen und wir sind aktuell gezwungen, vermehrt digitale Angebote zu nutzen. Inwieweit hat die Krise in Ihren Augen zu einer Beschleunigung der Digitalisierung geführt?
Alkassar: In der Krise wurden Dinge umgesetzt, die bei vielen Leuten vorher als unmöglich galten. Es wurde ziemlich schnell klar: Wenn wir die Arbeits- und Leistungsfähigkeit von Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft aufrechterhalten wollen, geht das unter den hygienischen Voraussetzungen, die wir durch die Corona-Pandemie einhalten müssen, nur digital. Fast flächendeckend haben Firmen und Behörden daraufhin Home-Office eingeführt, um weiterarbeiten zu können. Und bis auf verschiedene Anlaufschwierigkeiten hat das meines Erachtens auch sehr gut funktioniert. In der saarländischen Landesverwaltung haben wir als Vorreiter in Deutschland innerhalb von 24 Stunden ein Videokonferenzsystem aufgebaut und ausgerollt, das sämtliche Behörden auf Landesebene nutzen können, das wir aber auch den Kommunen und weiteren öffentlichen Einrichtungen angeboten haben. Unsere Erfahrung zeigt: Wir müssen schnelle, agile Entscheidungen treffen, um pragmatische Lösungen zu bekommen. Davon sollten wir möglichst viel auch für die Zeit nach der akuten Gesundheitskrise mitnehmen und nicht in alte, starre Muster zurückfallen. Um beim Beispiel Home-Office zu bleiben: Nachdem wir gesehen haben, dass es entgegen vieler Vorurteile sehr gut funktioniert, werden wir den Mitarbeitern zukünftig nicht mehr erklären können, warum sie einen Tag Urlaub nehmen müssen, wenn sie beispielsweise zu Hause einen neuen Kühlschrank geliefert bekommen. Es muss doch möglich sein, dass die Leute dann zu Hause arbeiten und sich kurz ausloggen, um ihre Termine wahrzunehmen.

Besonders in der Schule, wo digitale Angebote vielerorts leider immer noch Mangelware sind, hat man den Eindruck es fehle an einem echten Konzept wie digitaler Unterricht umzusetzen ist. Teilen Sie diese Auffassung und wenn ja wie lässt sich digitaler Unterricht optimal umsetzen?
Alkassar: Zunächst ist mir eines wichtig: Die Kolleginnen und Kollegen im Schulbereich – von den einzelnen Lehrern, über die Schulleitungen und Schulträgern, bis hin zum Ministerium – haben sich enorm engagiert, um für die Schüler während der Ausnahmesituation weiterhin Unterricht gewährleisten zu können. Durch die aktuellen Erfahrungen haben wir auch gelernt, in welchen Bereichen wir noch besser werden müssen.
Meine Vision ist, dass jeder Schüler statt eines dicken Ranzens gefüllt mit Schulbüchern in Zukunft mit einem Tablet zur Schule geht, auf dem alle Lernmaterialien, die er braucht, über eine digitale Plattform verfügbar sind. Dabei geht es nicht darum, einfach das Buch durch ein statisches PDF zu ersetzen. Wir müssen vielmehr die Vorteile des Mediums nutzen, um etwa Visualisierungen einer DNA-Doppelhelix nicht mehr wie bisher als 2D-Abdruck abzubilden, sondern als bewegbares 3D-Modell. Ich glaube, hierdurch gewinnen wir einen enormen Zuwachs an pädagogischem Potenzial, was die Materialien angeht. Um diese Zielsetzung zu erreichen, müssen wir die Schulbuchverlage einbinden und smarte Lernkonzepte auf den Weg bringen.
Die besten digitalen Materialien können aber nur dann genutzt werden, wenn die Infrastruktur und Ausrüstung passt. Daher bin ich froh, dass wir alsStaatskanzlei mit dem NGA-Netzausbau einen wichtigen Zwischenschritt erzielen konnten: Rund 95 % aller Haushalte im Saarland haben mindestens eine 50 Mbit/s-Anbindung. Damit stehen wir an erster Stelle der Flächenbundesländer und haben eine gute Grundlage für Home Schooling und Blended Learning, die wir aber weiter ausbauen müssen, um künftige Netzanforderungen zu matchen. Entsprechende Verhandlungen laufen derzeit. Darüber hinaus müssen wir die Schulen ans Glasfasernetz anschließen und zügig die Möglichkeiten aus dem Digitalpakt Schule für unsere Schulen vor Ort nutzen. Hierzu hat das Kabinett vor wenigen Tagen eine krisenbedingte Zusatzvereinbarung mitgezeichnet, um noch schneller zu werden.
Was die Ausstattung der Schüler angeht, bin ich froh über die laufende Diskussion, wie die bisherige Schulbuchausleihe weiterentwickelt werden kann, damit wirklich jeder Schüler bei uns ein adäquates digitales Endgerät zur Verfügung hat. Perspektivisch muss aus meiner Sicht der Weg auch dahingehen, dass wir einheitliche Geräte für alle haben, um Kompatibilitätsprobleme durch verschiedene Betriebssysteme, Softwareversionen und ähnliches auszuschließen, was im Übrigen insbesondere auch die Lehrer und Schulträger bei Wartung und im Bereich der IT-Sicherheit entlasten würde.

Auch die Parteiarbeit ist während der Krise gänzlich anders. Welche Möglichkeiten der digitalen Parteiarbeit gibt es und was können wir daraus für die Zukunft mitnehmen?
Alkassar: Wir haben vielfältige Möglichkeiten, auch digital mit den Mitgliedern in Kontakt zu bleiben und uns auszutauschen: Newsletter, Podcasts, Online-Diskussionen, Remote-Sitzungen von Vorständen, Ausschüssen, Arbeitsgruppen und Themennetzwerken. Ein gutes Beispiel, bei dem das schon sehr gut funktioniert hat, ist der virtuelle Landesausschuss, den wir durchgeführt haben. Wichtig ist: Gerade die Union, aber auch andere Parteien haben einen relativ hohen Anteil älterer Mitglieder, die sich mit ihrer Lebenserfahrung in unsere politische Arbeit – zum Teil seit Jahrzehnten mit großem und verdientem Engagement – einbringen. Hier müssen wir auch immer darauf achten, dass wir diese Parteifreunde nicht verlieren. Ziel muss sein, die technischen und organisatorischen Hürden so gering wie möglich zu halten, um die Teilnahme zu ermöglichen. Wir haben aber auch in der Corona-Krise festgestellt: Junge Menschen, insbesondere aus der JU, sind bereit, sich einzubringen, sich zu engagieren und für andere da zu sein. Warum sollte das nur beim Einkaufen für Ältere und Risikopatienten funktionieren und nicht auch beim IT-Support und der Unterstützung für Parteimitglieder?

Corona erschwert ebenfalls die Arbeit der kommunalen Verwaltung und die der Räte. Wie kann digitale Ratsarbeit in Zeiten von Corona aussehen und wie ist es um die Möglichkeiten  des digitalen Arbeitens in der Verwaltung bestellt?
Alkassar: Wir diskutieren derzeit beispielsweise Änderungen am Kommunalselbstverwaltungsgesetz (KSVG), um den kommunalen Gremien die Möglichkeiten einzuräumen, Sitzungen und Entscheidungen auch Remote zuzulassen. Meine Vision dabei ist: Die Möglichkeit, Sitzungen ganz online abzuhalten oder Mitglieder online zuzuschalten, darf mittelfristig kein alleiniges Notfallkonzept für Krise und Epidemien sein; vielmehr sollte es eine reguläre Option für die Gremien sein, die hierüber eigenständig entscheiden können. Zum Beispiel kann es notwendig sein, kurzfristig eine Ratssitzung durchzuführen. Die Entscheidungen erhalten für meine Begriffe dann eine höhere demokratische Qualität und Legitimierungsbasis, wenn möglichst viele Ratsmitglieder an der Entscheidung mitwirken. Wenn nun eine Sitzung kurzfristig anberaumt wird, kann es sein, dass viele Ratsmitglieder z.B. in der Firma oder bei Außenterminen sein müssen. Die Möglichkeit für die Remote-Teilnahme ermöglicht hier u.U. eine höhere Anwesenheitsquote, weil sich die Leute kurz aus ihren Verpflichtungen ausklinken und an der Sitzung teilnehmen können. Auch deshalb ist eine Flexibilisierung von Hybrid-Sitzungen (Teil vor Ort, Teil remote) sinnvoll. Hinzu kommt: Auch im Vergleich zu Umlaufverfahren ist eine Remote-Sitzung in jedem Fall besser geeignet, weil man hier Entscheidungsvorlagen diskutieren und abwägen kann. Ich denke, wir sollten uns insgesamt ein Stück weit mehr an der Wirtschaft orientieren, bei der schon heute Aufsichtsräte online tagen und milliardenschwere Entscheidungen treffen.

Der Lockdown hat auch dazu geführt, dass Online Dienste wie Amazon in massiven Umfang von der Krise profitieren und der Einzelhandel vor existenziellen Problemen steht. Glauben Sie, dass der ohnehin rasant wachsende Onlinehandel lokale Geschäfte endgültig abhängt und gibt es digitale Lösungen wie man den entgegentreten könnte? Sind lokale Onlineangebote, Ihrer Meinung nach, eine Option und wie müssten diese umgesetzt werden?
Alkassar:
Der lokale Einzelhandel im Saarland steht zunehmend in globaler Konkurrenz, große Internetunternehmen, die häufig aus dem Onlinehandel kommen, konkurrieren mit dem stationären Handel. Zusätzlich zu diesen bereits länger zu beobachtenden Tendenzen haben die Ausgangsbeschränkungen gerade die kleinen Einzelhändler massiv in ihrem Geschäft beeinträchtigt. Umso deutlicher wird: Wir müssen unsere Unternehmen wettbewerbsfähiger machen und nicht alte Konzepte subventionieren und künstlich aufrechterhalten. Im Gegenteil: Wir müssen die Unternehmen befähigen, mit neuen Konzepten in eine erfolgreiche Zukunft zu gehen, z.B. indem der stationäre Handel mit einer Online-Komponente zu einem Hybridmodell weiterentwickelt wird.
Die Leute wollen – das sieht man an den zahlreichen Initiativen und Betätigungen zu einer umweltfreundlicheren Lebensweise –bewusst und nachhaltig konsumieren. Wenn wir es schaffen, diese Aspekte mit einer entsprechenden Usability und einem Mehrwert für die Kunden zu verbinden, halte ich lokale und regionale Anbieter für mindestens konkurrenzfähig. Hierzu gibt es im Übrigen auch flankierende Initiativen auf kommunaler Ebene im Saarland, bspw. den Ill-Taler oder das Start-up „Local-Hero.es“.

Für große Diskussionen sorgt auch immer wieder die sogenannte Corona-App zur Nachverfolgung von Infizierten und Ansteckungen. Nachdem unter anderem das im Saarland angesiedelte CISPA Datenschutzbedenken hinsichtlich einer zentralen Lösung geäußert hatte, sprach sich auch die Bundesregierung für die dezentrale Lösung aus. Ist die dezentrale Lösung in Sachen Datensicherheit und Datenschutz unbedenklich?
Alkassar:
Hier wurde ein Kompromiss gefunden, an dem wir maßgeblich dazu beitragen haben, den Bund zum Umdenken zu bewegen, der zweckdienlich ist und das Vertrauen der Verbraucher in die Corona-App befördert.  Wichtig ist, dass wir jetzt eine einsatzfähige App haben, die im Gesamtpaket der Maßnahmen zur weiteren Eindämmung und Nachverfolgbarkeit von Infektionsketten genutzt werden kann. Die dezentrale Lösung ist ein guter Vorschlag, um auch den Datenschutzaspekten Rechnung zu tragen und Vertrauen bei den Nutzern zu erzielen.

Auch hinsichtlich der IT-Sicherheit im Home-Office gab es immer wieder Berichte, die vor Hacker-Angriffen auf Firmen Netzwerke warnten. Was sollte man als Mitarbeiter im Home-Office in Sachen IT- Sicherheit beachten?
Alkassar:
Im Rahmen verstärkter Home-Office-Aktivität stehen wir vor der Herausforderung, dass an einigen Stellen auf private Endgeräte u.ä. zurückgegriffen wird, weil nicht ausreichend dienstliche mobile Endgeräte verfügbar sind. Das ist aus Sicht der IT-Sicherheit nicht optimal, teilweise sogar kritisch. Von daher sollten die einschlägigen Handreichungen des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) beachtet werden, die aber nicht für den Endbenutzer gedacht sind, sondern den IT-Experten als Handlungsrichtlinie dienen. Zudem gilt auch für das Home-Office, dass die Prüf- und Koordinierungsaufgabe bei den IT-Einheiten liegen muss. Für die Landesverwaltung haben wir niedrigschwellige, kompakte Anleitungen mit ‚Dos‘ und ‚Don’ts‘ erstellt, um die Mitarbeiter nicht zu ihrer regulären Arbeit mit umfangreichen Unterlagen und Dokumentationen zu überfordern; insbesondere, weil die Krise andere Dinge schlicht und ergreifend erledigt werden müssen. Je weiter wir in Richtung Normalbetrieb zurückkehren, umso wichtiger wird es, die Ad-hoc-Lösungen noch stärker auf die Tragfähigkeit hinsichtlich IT-Sicherheit zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen.